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Pressestimmen :


DIE NEUEN ARBEITER

Das Land hat sich verändert - in so kurzer Zeit. Was vor wenigen Jahren noch als Zumutung galt, ist heute für Millionen Beschäftigte normal : Der Karriere-Banker arbeitet als Teilzeitkraft, der Manager wird zum Waldorflehrer, die Arbeitslose zur Multi-Jobberin.
WIE DIE KRISE UNS PRÄGT.


Deutschland im Herbst 2003. Die Konjunktur zieht an. Die Arbeitslosenquote auch ! Experten halten sogar die Horrorzahl von fünf Millionen für möglich. Alle können sehen, spüren, fühlen, daß das, was Wissenschaftler wie der Soziologe Ulrich Beck für eine ferne Zukunft vorhergesagt haben, rauhe Wirklichkeit geworden ist : "Den westlichen Arbeitsgesellschaften geht die attraktive, hoch bezahlte Vollerwerbstätigkeit aus". Unwiederbringlich. Selbst wenn ein neuer Wirtschaftsboom käme, würden nicht massenhaft Leute fest eingestellt werden.

Ralph Wiechers, Chefvolkswirt beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, einer Branche, die in den letzten zehn Jahren ein Viertel aller beschäftigten "abgebaut" hat, erklärt das Kalkül so : "Ich habe eine schlagkräftige Kernmannschaft, mit der gehe ich durch dick und dünn. Wenn die Auftragsbücher sich füllen und mehr zu tun ist, fange ich das durch Leiharbeit, Arbeitszeitkonten und Outsourcing auf." Sich bloß nicht binden ! Denn keiner weiß, wie lange ein Boom heute dauern wird, die Konjunkturzyklen sind in den letzten Jahren immer kürzer geworden, da müssen die Personalkosten so flexibel wie möglich bleiben.

Hält dieser Trend an, wird in zehn Jahren nur noch jeder zweite Beschäftigte einen Vollzeitarbeitsplatz haben. Der Rest, immerhin rund 9 Millionen Erwerbstätige, arbeitet in"prekären Arbeitsverhältnissen - als Mini-, Teilzeit- oder Multijobber, mit befristeten Verträgen, als Ich-AGler, Dauer-Praktikant oder Zeitarbeiter. "Brasilianisch" eben, wie der Soziologe Beck diese Verhältnisse gemeinerweise nennt. In seinen Augen entwickelt sich die Erwerbsarbeit in der ersten Welt und der so genannten dritten Welt ganz ähnlich : "Im Zentrum des Westens breitet sich ein sozialer Flickenteppich aus : die Vielfalt, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit von Arbeits- und Lebensformen des Südens."

Und dabei haben die Deutschen ihn so geliebt, ihren wunderbaren Vollzeitarbeitsplatz : mit seinem tarifvertraglich verbrieften Weihnachts- und Urlaubsgeld, den geregelten Arbeitszeiten, der täglichen Routine, der planbaren Karriere. Er hat uns nicht nur gutes Geld, sondern vor allem jede Menge Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität gebracht. Aus, vorbei, futsch, nie wieder ? Jeder spürt es. Sogar Banker : "Erst im Sommer ist mir bewußt geworden, daß ich jeden Moment arbeitslos werden kann, daß auch Banken nicht mehr sicher sind", sagt Anja Seidel. Seit Juli arbeiten sie und ihre 44 Kollegen aus der Personalabteilung der Hypo-Vereinsbank in München nur noch vier Tage die Woche oder sparen die Zeit an für eine längere Auszeit.

EIN AKT DER SOLIDARITÄT : Sieben Stellen wären gestrichen worden, würde nicht jeder auf einen Tag verzichten. Das Modell ist auf ein Jahr befristet. Die Bankkauffrau Anja Seidel kellnert jetzt an ihrem freien Tag. Das wollte sie schon immer mal machen. Auch ihr Kollege Christian Welsch, 31, erfüllt sich einen Traum und macht seinen Segelschein.

Vielleicht sind "brasilianische" Arbeitsverhältnisse gar nicht so furchtbar ?


Auszugsweise (mit freundlicher Genehmigung) aus dem Magazin "stern" (Woche 43 / Jahr 2003).




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